Henrik Krause
Henrik Krause

Henrik Krause – Von null auf 400 in zwei Wochen

Sieben DLV-Athletinnen und Athleten haben bei der Hallen-DM in Dortmund ihre ersten Titel auf nationaler Ebene gewonnen, einige von ihnen überraschten damit sich, favorisierte Konkurrenz und die Zuschauer, die coronabedingt wieder „nur“ per Livestream dabei sein konnten. Wir stellen sie vor, heute 400-Meter-Läufer Henrik Krause.

Die Leistung eines Autos wird unter anderem an der Beschleunigungszeit von null auf 100 km/h festgemacht. Bleibt man bei dieser Art von Vergleich, hat sich 400-Meter-Läufer Henrik Krause in diesem Winter von einem gut gepflegten Golf GTI in einen DTM-Rennwagen verwandelt. Seine sportliche Welt drehte sich innerhalb von zwei Wochen komplett. Der bisherige Trainingspartner der DLV-Spitzenathleten Manuel Sanders (LG Olympia Dortmund) und Torben Junker (TV Wattenscheid 01) stand auf einmal selbst bei der Hallen-EM auf dem internationalen Parkett.

Dass er überhaupt bei der Hallen-DM im heimischen Dortmund starten durfte, erfuhr der 24-Jährige erst vier Tage vor seinem Vorlauf. Schon dort ließ er völlig überraschend in Bestzeit (47,19 sec) Freiluft-Meister und Favorit Marvin Schlegel (LAC Erdgas Chemnitz) hinter sich. Am Tag darauf gelang ihm dies erneut, der Newcomer blieb in erneuter PB (47,03 sec) auch noch hauchdünn vor Langhürden-Spezialist Constantin Preis (VfL Sindelfingen; 47,05 sec) und darf jetzt, wie seine Trainingspartner, einen Deutschen-Meister-Titel sein eigen nennen.

Diesem Coup folgte die nächste Nachricht, mit der Henrik Krause vor der Hallensaison niemals gerechnet hätte. Die Nominierung für die Hallen-EM in Torun (Polen), bei der er es genoss, das Nationaltrikot tragen zu dürfen. Auch wenn es nicht für die Halbfinal-Qualifikation reichte, gelang in 47,39 Sekunden die Bestätigung des neuen Niveaus. Das verschaffte ihm noch eine weitere Änderung seiner Pläne: So es die Corona-Pandemie zulässt, fährt der Deutsche Hallenmeister mit dem DLV-Team ins Trainingslager zur Vorbereitung auf die Staffel-WM in Chorzów (1./2. Mai), wo es um das Olympia-Ticket geht.

100 Meter zu früh, 200 Meter zu spät, dann eben 400 Meter

Die ersten Schritte seiner Leichtathletik-Laufbahn machte Henrik Krause zu Grundschulzeiten zwei Jahre lang auf einer Aschebahn, begann dann aber im Alter von elf Jahren, wie es in Dortmund wohl noch üblicher als in anderen Städten ist, Fußball zu spielen. „Das musste einfach sein. Ich war aber nicht so talentiert“, erinnert sich der heutige 400-Meter-Sprinter. „Laufen konnte ich aber auch auf dem Fußball-Platz immer gut. Und so bin ich mit 16 Jahren wieder zur Leichtathletik in einer Hobbygruppe der LGO gewechselt und habe dort dreimal die Woche trainiert.“

In der Sprintgruppe von Uli Kunst standen als U20-Athlet über 100 Meter 11,58 Sekunden und über 200 Meter 22,92 Sekunden zu Buche. Zum ersten Start über 400 Meter kam es eher zufällig und nach dem „Ausschlussprinzip“ bei einem Läuferabend im Stadion Rote Erde an einem Mittwoch im Mai 2014. „Ich hatte mittwochs immer lange Schule. Zu den 100 Metern hätte ich es nicht geschafft, die 200 Meter waren mir spät. Genau dazwischen im Zeitplan lagen die 400 Meter“, erzählt Henrik Krause, der das Rennen in 51,37 Sekunden für sich entschied und Gefallen an dieser Strecke fand. Weitere Rennen führten zu einer Steigerung auf 50,15 Sekunden und der ersten Teilnahme an einer Jugend-DM. „Dieser Erfolg war damals schon eine riesen Überraschung für mich.“

Da passte es, dass Sebastian Fiene eine Langsprint-Gruppe in seinem Verein eröffnete. Die Bestzeit ging bis auf knapp unter 49 Sekunden runter. In den Jahren 2016 bis 2020 in blieb es bei diesem Bereich, auch nach dem Trainerwechsel zu Thomas Kremer 2018, der auch Torben Junker und kurze Zeit später Manuel Sanders betreute. Dass weitere Leistungssprünge ausblieben, störte Henrik Krause nicht: „Ich habe den Sport lange Zeit nur fürs Training gemacht, weil ich eine super Gruppe habe, mit der es immer Spaß macht, egal wie ekelig das Programm ist.“ So freute er sich mit über die Erfolge seiner Trainingskollegen, zu denen DM-Titel, EM-Staffeleinsatz oder Staffel-Gold bei der U23-EM gehörten.

Pilates, der Schlüssel zu mehr Tempo

„Mein Ziel war es immer, unter 48 Sekunden zu laufen und es zu Deutschen Meisterschaften zu schaffen“, berichtet der Maschinenbau-Student, dem zum Bachelor nur noch die Abschlussarbeit fehlt. „Insgeheim habe ich vielleicht von einem Start im Nationaltrikot geträumt.“ Dass all dies in der zurückliegenden Hallensaison wahr wurde, erklärt allen voran Trainer Thomas Kremer mit einer wesentlichen Verbesserung des Laufstils. „Ich habe vermehrt Pilates gemacht“, so Henrik Krause. „Früher bin ich im Oberkörper völlig schief gelaufen. Das hat dazu geführt, dass ich mich nicht gut getroffen habe. Das ist dieses Jahr komplett anders. Ich laufe aufrecht und habe dadurch einen ganz anderen Schritt.“

Ein Leistungsschub deutete sich im vergangenen Dezember an. Auf dem Trainingsplan standen Läufe im annäherden Wettkampftempo über 150 Meter (4x) und 250 Meter (2x). Da Manuel Sanders und Torben Junker keine Hallenstarts planten, absolvierte Henrik Krause dieses straffe Programm mit Fabian Dammermann (LG Osnabrück; PB: 45,94 sec), der zweimal pro Woche mit in Dortmund trainiert. „Ich konnte gut mithalte“ erzählt Henrik Krause, bei dem es in einer anderen Einheit auch am Start plötzlich besser denn je lief. „Mit Manuel hatte ich eine Wette, wer die Starts gewinnt. An dem Tag habe ich ihn jedes Mal abgezogen. Da waren wir beide überrascht.“

Bei einer Leistungsdiagnostik im Januar blieb die Uhr über die zwei Hallenrunden bei 48,13 Sekunden stehen, also deutlich unter der Freiluftbestzeit. Thomas Kremer setzte alle Hebel in Bewegung, dass sein Schützling, der wegen seiner fehlenden Kaderzugehörigkeit eigentlich coronabedingt keine Wettkämpfe bestreiten konnte, doch eine offizielle Zeit in eine Ergebnisliste bringt, die ihm dann eine Startmöglichkeit bei der Hallen-DM verschaffen sollte. Anfang Februar war es so weit. In Leverkusen gelang die neue Bestzeit von 48,11 Sekunden, eine Woche später in Leipzig eine weitere Steigerung auf 47,84 Sekunden. Wenn auch sehr kurzfristig, war der Weg zur Hallen-DM frei.

Ein unbeschreiblicher Moment folgt dem nächsten

Schon die Freude über die Startmöglichkeit bei den nationalen Meisterschaften in seiner Heimatstadt war groß. Es folgten mit dem Vorlauf-Sieg („Ich hätte nicht gedacht, dass ich hinten raus so stark laufen kann“) Gold im Finale („Ich war absolut geflasht“), der Reaktion seiner bisher überlegenen Trainingspartner („Sie habe sich noch mehr gefreut als ich, das war der Hammer.“) und dem Nominierungs-Anruf für die Hallen-EM („Ich war total überwältigt. Eine halbe Woche vorher habe ich mir das im Leben nicht vorstellen können.“) immer neue Höhen nie gekannter Glücksgefühle.

Dass wegen der Corona-Pandemie keine Zuschauer seine Rennen bejubeln konnten, wertet Henrik Krause bei seinem Aufstieg als Vorteil. „Als ich 2019 einmal beim Dortmunder Indoor Meeting mit vollen Tribünen antreten durfte, war ich emotional etwas angeschlagen. Das ist eine andere Belastung, als sich einfach nur hinzustellen und zu laufen. Ich konnte jetzt mit mehr Ruhe meine ersten größeren Wettkämpfe angehen.“ Er ist sicher, in Zukunft auch mit Publikum zurechtzukommen. Seine Ziele für den Sommer möchte er sich aber auch nicht zu hoch stecken.

„Erstmal soll eine 46 vorne stehen. Das ist nicht mehr weit weg. Nächstes Ziel wäre dann unter 46,5. Aber ich kann überhaupt nicht einschätzen, wie es sein wird, wieder draußen zu laufen.“ Dass seine Sportkarriere eine solche Wende genommen hat, muss der Dortmunder auch erst einmal sacken lassen. „Es geht alles sehr schnell dieses Jahr. Es verändert sich alles. Aber ich bin überglücklich, dass es so gekommen ist.“

Das sagt Bundestrainer Edgar Eisenkolb:
„Henrik hat eine fantastische Entwicklung gemacht. In der DLV-Bestenliste 2020 stand er auf Platz 33. Aus dieser Position heraus hätte er nicht bei der Hallen-DM starten können. Durch meinen Austausch mit Thomas Kremer habe ich von seinen guten Trainingsergebnissen gehört und alle Hebel in Bewegung gesetzt, dass Henrik im Winter überhaupt einen Wettkampf machen kann. Seine Fortschritte konnte er dann bestätigen. Ich hatte ihn als Finalkandidat in Dortmund auf der Rechnung. Dass er gewinnt und sich auch noch für die Hallen-EM empfehlen kann, konnte niemand ahnen.

In Torun hat Henrik sein neues Leistungslevel unter ganz anderen Bedingungen bestätigt. Auch von den Corona-Umständen hat er sich nicht beeindrucken lassen. Natürlich muss man auch sagen, dass bei einer 47,0 in der Halle noch ein Stück bis in die Nationalstaffel fehlt. Wir freuen uns über jeden weiteren Athleten. Er bringt alles mit, um seine Entwicklung noch fortzusetzen.“


Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung durch leichtathletik.de
Text: Jan-Henner Reitze

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